{"id":5659,"date":"2021-01-14T22:08:31","date_gmt":"2021-01-14T21:08:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.josiajourdan.ch\/wordpress\/?p=5659"},"modified":"2021-01-15T00:08:35","modified_gmt":"2021-01-14T23:08:35","slug":"fluchtwagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.josiajourdan.ch\/wordpress\/fluchtwagen\/","title":{"rendered":"Fluchtwagen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align:left\">In einem Fluchtwagen begann noch nie eine Geschichte mit Happy\nEnd. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich sass am Steuer und wartete. Meine H\u00e4nde klopften nerv\u00f6s\nauf das Lenkrad, mein Blick huschte um her. Draussen war Nacht. Regen prasselte\ngegen das Fenster. Ich versuchte ihn zu entdecken. War er schon wieder draussen?\nWie lange sollte ich warten? Was wenn er nicht mehr rauskam? Wenn es bereits zu\nEnde war, bevor es \u00fcberhaupt angefangen hat. Ich fluchte, z\u00fcndete mir eine\nZigarette an und \u00f6ffnete das Fenster einen Spalt, so dass der Rauch abziehen konnte.\nAsche rieselte auf das Lederpolster. Es war mir egal. Dieser verdammte Idiot\nsollte gef\u00e4lligst kommen. Warum war ich noch in diesem Auto? Warum war ich nicht\nl\u00e4ngst gegangen? Wie oft hatte ich das mitgemacht? Ich wusste es selbst nicht.\nEs gab keinen Grund zu gehen. Er war gut zu mir und trotzdem wusste ich, dass\nich gehen wollte. Ich liebte ihn, aber diese \u00dcberf\u00e4lle wurden immer riskanter\nund ich wollte nicht ins Gef\u00e4ngnis, nur weil er nicht aufh\u00f6ren konnte. Endlich\nsah ich etwas. Ein Mensch kam aus dem Ladengeb\u00e4uden gest\u00fcrmt. Er rannte und ich\nerkannte, dass er es war. Sein Hemd weiss leuchtend, die schwarze Krawatte\ngebunden und ich startete den Motor, warf die Zigarette aus dem Fenster und da\nh\u00f6rte ich den Schuss. Es war ein lautes Knallen und ich schloss instinktiv\nmeine Augen. Als ich sie wieder \u00f6ffnete, hatte jemand die Beifahrert\u00fcr ge\u00f6ffnet.\n\u00abLos! Fahr los verdammt\u00bb Ich dr\u00fcckte aufs Gaspedal und riss das Steuer rum. Mit\neinem Brausen krachten wir davon. In die Nacht hinein. So wie unz\u00e4hlige Male\ndavor schon. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwei Stunden sp\u00e4ter sassen wir an einem Tisch. Sein Gesicht\nvon Kerzenlicht erleuchtet. Er strahlte. Ein Gef\u00fchl der Freiheit durchfuhr\nmich. \u00abIch liebe uns\u00bb sagt er, w\u00e4hrend er meine Hand h\u00e4lt. Nicht mich. Nein\nuns. Und eigentlich nicht mal uns. Sondern das Geld, das wir gemeinsam machen. Und\nich konnte nicht leugnen, dass ich es nicht ebenfalls genoss mit ihm in diesem\nHotel zu \u00fcbernachten. Wo wir uns in den Bettlaken verlieren w\u00fcrden, seine H\u00e4nde\nmeinen K\u00f6rper erforschen w\u00fcrden und w\u00e4hrend ich mich danach in die grosse\nBadewanne legte, er unser Geld nahm und es im Casino unter die Leute brachte. Aber\nan diesem Abend schien es anders zu sein. Als ich aufstand und ihn hinter mir\nherziehen wollte, sch\u00fcttelte er den Kopf. Er hob die Hand, um auf sich\naufmerksam zu machen. Eine junge gutaussehende Kellnerin trat an unseren Tisch.\n\u00abNoch einen Old Fashion\u00bb Die Kellnerin drehte sich wieder um. \u00abEs war das erste\nMal, dass auf mich geschossen wurde. Im Dunkeln\u00bb er fuhr sich durch die Haare \u00abIch\nm\u00f6chte das Geld heute lieber davor loswerden. Geh\u2019 schonmal vor\u00bb Also ging ich\nvor. Und wartete. Allein. In diesem riesigen Zimmer. Ich nahm kein Bad.\nWickelte mich stattdessen in die weiche Decke ein und wartete weiter. Aber er\nkam nicht. Es war das erste Mal, dass ich ohne ihn einschlief nach einem \u00dcberfall.\nDas erste Mal ohne seine H\u00e4nde auf mir. Stattdessen ber\u00fchrten seine H\u00e4nde einem\nanderen K\u00f6rper. Ich wusste es in dem Moment als ich das St\u00f6hnen aus dem Nebenzimmer\nh\u00f6rte. Es konnte nur er sein. Schon so oft hatte ich es geh\u00f6rt und ich wusste,\nwie gut er war. Ich blickte an die Decke. An die x-f\u00f6rmigen Verstrebungen.\nDieses Zimmer war es also. Der Moment in dem ich verraten wurde. Ich brauchte keinen\nGrund, ihn zu verlassen. Er war Grund genug. Aber noch war nicht der richtige Moment\nihn zu verlassen. Denn ein Verr\u00e4ter sollte bekommen, was er verdient. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und als ich das n\u00e4chste Mal am Steuer sass und auf ihn\nwartete, da wusste ich, dass es das letzte Mal war. Das letzte Mal, dass ich f\u00fcr\nihn mein Leben riskierte und das letzte Mal, dass ich ihn sehen w\u00fcrde. Er w\u00fcrde\nmindestens 5 Minuten brauchen, um den Laden auszurauben und wie immer hatte ich\nneben einer Telefonkabine parkiert, so dass ich sah, wenn jemand versuchte\nHilfe zu holen. Aber dieses Mal w\u00fcrde es nicht eine andere Person sein. Meine Finger\nw\u00e4hlten die Nummer. Zuerst die 9, dann zweimal die 1. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Danach zitterten meine Finger. Ich weinte. Innerlich war ich\nzerbrochen. Aber noch musste ich stark bleiben. Noch war mein Plan nicht\nfertig. Ich wartete, bis ich ihn sah, wie er rannte, die Tasche in der Hand,\nein Grinsen auf seinem Gesicht. Ich zwang mich ebenfalls zu l\u00e4cheln. Dann\nstartete ich den Motor. Genau wie immer. Er \u00f6ffnete die T\u00fcr. \u00abLos! Fahr los\u00bb\ngenau wie immer. Aber es war nicht alles wie immer, denn dieses Mal w\u00fcrde es\nnur einen Gewinner geben. W\u00e4hrend ich aus der Stadt brauste, erz\u00e4hlte er mir, wie\nviel Geld es war. Es war so viel, dass er zwei Taschen f\u00fcllen musste. Die lagen\nauf der R\u00fcckbank und ich wusste, dass das das Schicksal es gut mit mir meinte. Ich\nfuhr auf das Motel zu, dass ich ein paar Tage davor im Telefonbuch rausgesucht\nhatte. Er blickte mich an. Ich zuckte mit den Schultern. \u00abWir waren fr\u00fcher oft\nin Motels\u00bb er nickte und als ich auf dem Parkplatz hielt, k\u00fcsste er mich. Ich konnte\nnicht anders und k\u00fcsste ihn ebenfalls. Er dr\u00fcckte mich in meinen Sitz und\nk\u00fcsste mich noch h\u00e4rter. Das war nicht geplant gewesen. Aber ich wollte ihn\nnochmals sp\u00fcren. Bevor es zu sp\u00e4t war. Also liess ich ihn. Genoss ihn ein\nletztes Mal. Ein letztes Mal seine H\u00e4nde auf mir. Ein letztes Mal sein warmer Atem\nan meinem Ohr. Ein letztes Mal ihn in mir. Es musste schnell gehen. Ich h\u00f6rte\ndie Sirenen noch nicht, aber lange w\u00fcrde es nicht mehr dauern. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Danach schwitzte ich. In mir herrschte ein Sturm. Sein L\u00e4cheln\nt\u00f6tete mich. Aber es gab kein zur\u00fcck mehr. Ich liess ihn aussteigen und reichte\nihm eine der beiden Taschen. \u00abIch komme gleich nach. Ich zieh mich nur schnell\nwieder an. Bestell mir schonmal einen Old Fashion\u00bb Er grinste, warf mir einen\nKuss zu. Ich wartete, bis er das Geb\u00e4ude betreten hatte, dann drehte ich den Schl\u00fcssel\num und fuhr los. Genau wie immer. Nur dieses Mal ohne ihn. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einem Fluchtwagen begann noch nie eine Geschichte mit einem Happy End. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-youtube wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Taylor Swift - Getaway Car (Lyrics)\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/IH0pAzAYn1g?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem Fluchtwagen begann noch nie eine Geschichte mit Happy End. Ich sass am Steuer und wartete. Meine H\u00e4nde klopften nerv\u00f6s auf das Lenkrad, mein Blick huschte um her. Draussen war Nacht. 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